//Wie Kirche (und Organisationen) mit Effectuation der Ungewissheit begegnen können

Wie Kirche (und Organisationen) mit Effectuation der Ungewissheit begegnen können

2019-04-08T13:24:17+02:00Categories: Effectuation|

2012: 90.000 Menschen in dem größten Flüchtlingslager im Nahen Osten. Kriminalität, Hehlerei und Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen bestimmten das Leben im Lager. Die humanitären Standards, die z.B. die Anzahl der Küchen und Toiletten festlegten, passten nicht. In der Folge wurde privatisiert, demontiert und neu aufgebaut. Es ging drunter und drüber.

2013 übernahm Kilian Kleinschmidt die Leitung. Er nutzte die Effectuation-Prinzipien und schaffte es, aus dem Flüchtlingslager eine friedlichere Stadt mit z.B. Supermärkten und Fußballmannschaften zu formen. Sogar 250 Mädchen spielten Fußball.

Alles beginnt mit einem Handlungsanlass

Der Effektuierer startet mit einem Handlungsanlass. Bei Kilian Kleinschmidt war das der unzumutbare und kriminelle Zustand im Lager, also eine Not. Genauso gut eignen sich aber ein Problem, eine Idee, eine Vision, eine Aufgabe oder ein Veränderungswunsch, um zu beginnen. Erfolgreiche Unternehmer versuchen dann so schnell wie möglich ins Handeln zu kommen. Einfach machen statt lange planen.

Das beschreibt auch schon den großen Unterschied zu dem analytischen, planerischen Vorgehen, in dem wir alle so gut sind. Der Planer formuliert aus dem erkannten Problem zunächst ein Ziel. Dann plant er alle Aktivitäten und Ressourcen, die nötig sind, um das Ziel zu erreichen. Und dann fängt er erst an.

Dieses Vorgehen kann aber nur erfolgreich sein, wenn der Planer genau weiß, was benötigt wird, um das Ziel zu erreichen. Und wenn er sich sicher sein kann, dass das definierte Ziel sein Problem auch löst. Das funktioniert zum Beispiel sehr gut bei einem Hausbau oder in der Fabrik am Fließband. Alles ist gut erprobt und planbar. Die Zukunft ist stabil und vorhersehbar. Wer die Zukunft aber nicht kennt, fährt besser, wenn er schnell handelt, ausprobiert, ob ihn sein Handeln weiterbringt, und dann einen nächsten Schritt geht.

Den ersten Schritt mit den eigenen Mitteln gehen (#Mittelorientierung)

Wer sich in einem Umfeld bewegt, dass vorhersehbar ist, kann sich sein Ziel definieren. Weil alles bekannt ist, kann er aus dem Ziel ableiten, welche Mittel er benötigt. Erfolgreiche Unternehmer legen aber kein Ziel fest. Sie haben einen Handlungsanlass und wollen schnell ins Handeln kommen. Dazu schauen sie nach innen. Dort finden sie die Mittel, mit denen sie den ersten Schritt gehen können.

Mittel können sein, was den Menschen auszeichnet. Charakter, Eigenschaften, Werte und Vorlieben und auch die eigenen finanziellen und zeitlichen Ressourcen stehen immer zur Verfügung. Die einzige Voraussetzung ist, dass der unternehmerisch handelnde Mensch sich dessen bewusst ist.

Was ein Mensch gelernt hat, welche Kompetenzen, Erfahrungen, Fertigkeiten er hat, steht ebenso direkt zur Verfügung. Genau so ist es mit dem Netzwerk aus Partnern, Kollegen, Freunden, Kunden, Mitbewerbern, etc. Jeder, der zum Bekanntenkreis gehört, könnte einen Beitrag leisten oder eine wertvolle Information besitzen.

Kilian Kleinschmidt ging ebenfalls von den vorhandenen Mitteln aus. Anstatt gegen die Situation zu arbeiten, verstand er das Flüchtlingslager als Stadt und unterstützte er die Gruppen dabei, sich wie in einer Stadt einzurichten. Zum Beispiel beendete er die Verteilung von Hilfsgütern und gab allen Bewohnern Chipkarten mit einem Guthaben aus. Die Flüchtlinge kauften nun in selbstorganisierten Supermärkten ein.

Ich finde, Effectuation passt durch die starke Betonung auf die eigenen Mittel sehr gut zu Kirche und wertebasierten Organisationen.

Nicht alles auf eine Karte setzen (#Leistbarer Verlust)

Effectuation ist ein Kunstwort. Geprägt hat es Saras Sarasvathy, die Ende der 90er Jahre erfolgreiche Mehrfachgründer untersucht hat. Dabei fand sie die Prinzipien heraus, die ich hier beschreibe. Prinzipien, die wahrscheinlich so alt sind wie die Menschheit.

Ich finde sehr spannend, dass Saras Sarasvathy nicht einfach erfolgreiche Unternehmer, sondern erfolgreiche Mehrfachgründer untersucht hat. Alle waren Millionäre und alle sind im Laufe ihres Lebens auch mit Ideen und Unternehmensgründungen gescheitert.

Mehrfach scheitern kann nur der, der nach einem Misserfolg noch über genug Reserven verfügt, dass er die nächste Idee angehen kann. Die Methode dazu nennt sich leistbarer Verlust. Vor jedem Schritt überlegt der Effektuierer zunächst, wieviel Verlust er sich leisten könnte. Wenn der erreicht ist, wird das Vorhaben beendet und nicht weiterverfolgt!

Der leistbare Einsatz bezieht sich nicht nur auf Geld. Zeit oder Reputation können ebenfalls wichtige Ressourcen sein. Im Falle von Kilian Kleinschmidt war der leistbare Verlust sehr gering. Es lief in dem Lager schon alles drunter und drüber, noch schlimmer hätte es kaum werden können. Die Kosten für die Umstellung auf ein Chipkartensystem waren ein leistbarer Verlust, den Kleinschmidt eingegangen ist.

Mit Partnern neue Mittel nutzen und neue Wege finden (#Partnerschaften)

Das dritte Prinzip von Effectuation ist Partnerschaft. Mit Partnern bekommt man neue Mittel, neue Ideen und vielleicht auch eine neue, leicht geänderte Zielrichtung für ein gemeinsames Vorhaben.

Der Effektuierer sucht ständig nach neuen Partnern und Beiträgen zu seinem Vorhaben. Dazu nutzt er jede Gelegenheit, sein Vorhaben, seine Idee zu präsentieren. Er lädt andere ein mitzugestalten oder bittet sie um einen Beitrag. So kommt es zu einer Koalition der Wollenden.

Kilian Kleinschmidt wurde mit seiner Art der Lagerleitung schnell bekannt. Es kamen Besucher. Einer war Michel Platini, der Präsident der UEFA. Kleinschmidt fragte ihn, was wohl zu einer richtigen Stadt gehört. Platini nannte selbstverständlich Fußballteams. Kleinschmidt fragte ihn, ob er einen Beitrag leisten wollte, und Platini stellte Bälle und dauerhaft zwei Fußballtrainer zur Verfügung.

Besonders innovativ wird es, wenn sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und als gleichwertige Partner betrachten. Unterschiedliche Kompetenzen und Erfahrungen führen in einem offenen gleichwertigen Austausch zu kreativen Lösungen. Sich auf Augenhöhe begegnen und den anderen als Menschen ernst nehmen ist die nötige Haltung dafür. Diese passt meines Erachtens ebenfalls sehr gut zu wertebasierten Institutionen.

Zufälle als Chance sehen und nicht als Bedrohung (#Zufall)

Das vierte und letzte Prinzip ist ein neugieriger und entspannter Umgang mit Zufällen. Im planenden Vorgehen werden Zufälle ausgegrenzt. Mit einem ausgefeilten Risikomanagement werden alle möglichen Maßnahmen getroffen, die den Zufall verhindern sollen. Das ist auch ein sehr kluges Vorgehen in einem Umfeld, in dem alles vorhersehbar ist. Man hat ein klar definiertes Ziel und weiß wie es erreicht werden kann. Alles andere stört nur.

In einem Umfeld, in dem die Zukunft nicht vorhersehbar ist, stören Zufälle erstmal nicht. Man hat ja „nur“ einen Handlungsanlass und kein konkretes Ziel. Deswegen kann man sich die Zufälle in aller Ruhe ansehen und prüfen, ob sie einen bei dem eigenen Vorhaben helfen und einer Lösung nächer bringen. So ein Zufall aus Sicht von Kleinschmidt war zum Beispiel der Besuch von Platini. Was auch immer die Motivation von Platini für den Besuch war, Kleinschmidt nutzte die Gelegenheit und sprach ihn als Ideengeber und potentiellen Partner an.

Effectuation ist eine Haltung, die am Start von neuen Vorhaben im Ungewissen hilft

Wer diese vier Handlungsprinzipien berücksichtigt, kommt schnell zu einem Ergebnis. Das Ergebnis der effektuierend gegangenen Schritte kann sein, dass man etwas Neues geschaffen hat, kann aber auch sein, dass man so nicht weiterkommt und das Vorhaben besser einstellt. Beides ist ein gutes Ergebnis. Man hat Klarheit gewonnen.

Effectuation ist also eine Haltung, die jedem Menschen in Situationen voller Ungewissheit Sicherheit bietet. Man hat ein erprobtes Vorgehensmodell zur Verfügung, setzt seine eigenen Mittel ein und geht maximal bis zum definierten leistbaren Verlust. Der Effektuierer wird also nie alles verlieren kommt aber trotzdem schnell ins Handeln. Er ist nicht Getriebener oder gar Opfer der Situation, sondern wird mit Effectuation zum Gestalter der ungewissen Zukunft.

Mir gefällt besonders gut, dass man sich diese Haltung bewusst zu eigen machen kann. Es gibt einfach anwendbare Methoden, die einem in ungewissen Situationen helfen. Eine tiefe Haltungs- und Persönlichkeitsänderung ist sicher nicht schnell zu erreichen, aber dennoch können die Methoden gelernt und mit einem gewissen Maß an Selbstreflexion angewandt werden. Und Effectuation ist nicht nur für Unternehmer geeignet!

Beitrag geschrieben für http://www.polynesisch-segeln.de/

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