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Warum mir wichtig war, dass meine Söhne Reifen wechseln können – und was das mit Führung zu tun hat

Mein Sohn Luca war Anfang zwanzig und mit zwei Freunden in Italien unterwegs. Zum ersten Mal mit einem Mietwagen.

Irgendwo in der ziemlich menschenleeren Landschaft Apuliens platzte ein Reifen.

Seine Freunde stellten sich schon darauf ein, lange auf einen Abschleppdienst zu warten. Luca öffnete stattdessen den Kofferraum, räumte das Gepäck heraus und begann nach Ersatzreifen und Werkzeug zu suchen.

Er wusste, was zu tun war.

Nicht, weil Reifenwechseln zu den entscheidenden Kompetenzen des 21. Jahrhunderts gehört. Sondern weil er es schon einmal selbst gemacht hatte.

Die Erfahrung: Ich kann etwas bewirken

Meiner Frau und mir war immer wichtig, dass unsere Kinder ein eigenständiges Leben führen und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können.

Dazu gehört für mich eine Erfahrung, die weit über einen Reifenwechsel hinausgeht:

Ich kann etwas tun. Und mein Handeln macht einen Unterschied.

Psychologisch sprechen wir von Selbstwirksamkeit.

Wer diese Erfahrung macht, traut sich eher, auch in einer ungewohnten Situation selbst nach einer Lösung zu suchen. Nicht weil er sicher weiß, dass alles funktionieren wird. Sondern weil er sich zutraut, anzufangen.

Genau das beschäftigt mich auch in Führung.

Verantwortung kann man nicht übertragen – und gleichzeitig festhalten

Ich habe in vielen Jahren als Führungskraft Menschen erlebt, die außerhalb der Arbeit sehr selbstverständlich Verantwortung übernehmen: Sie organisieren Familien, engagieren sich ehrenamtlich, renovieren Häuser, planen Reisen oder lösen schwierige Probleme.

Und im Beruf warten dieselben Menschen plötzlich auf eine Entscheidung von oben.

Dann lohnt sich für mich eine andere Frage als:
Warum übernimmt hier niemand Verantwortung?

Nämlich:

Was in unserem System macht es gerade vernünftig, keine Verantwortung zu übernehmen?

Vielleicht werden Entscheidungen immer wieder nach oben gezogen. Vielleicht wird bei Fehlern sofort eingegriffen. Vielleicht sind Rollen und Mandate unklar. Oder jemand hat gelernt: Eigeninitiative erzeugt vor allem zusätzliche Risiken.

Das ist ein analytischer Blick auf Führung, der mir wichtig geworden ist: Nicht vorschnell den Menschen zum Problem erklären. Erst einmal anschauen, unter welchen Bedingungen sein Verhalten entsteht.

Zutrauen ist nicht dasselbe wie Laissez-faire

Gleichzeitig heißt Verantwortung übertragen für mich nicht: „Mach einfach mal.“

Menschen brauchen einen Rahmen.

Was wollen wir erreichen?
Was darf die Person selbst entscheiden?
Wo liegen Grenzen?
Und kann sie sich darauf verlassen, dass ihre Führungskraft hinter ihr steht, wenn sie innerhalb dieses Rahmens handelt?

Vertrauen wird belastbar, wenn Mandat und Rückendeckung zusammenkommen.

Das habe ich in meiner eigenen Führung immer wieder gelernt – gelegentlich auch dadurch, dass ich es zunächst falsch gemacht habe.

Manchmal muss Führung weniger tun

Die Versuchung ist groß, als erfahrene Führungskraft schnell zu helfen.

Man kennt eine Lösung. Man könnte sie einfach sagen. Und häufig wäre man damit sogar schneller.

Nur nimmt man dem anderen damit möglicherweise genau die Erfahrung, die langfristig wichtiger wäre:

Ich habe das selbst herausgefunden.

Das bedeutet nicht, Menschen mit Problemen allein zu lassen. Gute Führung beobachtet, fragt, gibt Orientierung und greift ein, wenn es notwendig ist.

Aber sie hält auch aus, dass jemand einen anderen Weg wählt als den eigenen.

Zurück nach Apulien

Luca wechselte den Reifen.

Seine Freunde waren ziemlich beeindruckt.

Ob diese eine Reifenpanne seine Selbstwirksamkeit nachhaltig verändert hat, weiß ich natürlich nicht. Wahrscheinlich waren die vielen kleinen Erfahrungen davor wichtiger.

Aber genau deshalb hatten wir unseren Söhnen beigebracht, einen Reifen zu wechseln.

Nicht damit sie perfekte Automechaniker werden.

Sondern damit sie immer wieder erleben:

Ich kann etwas lernen. Ich kann eine Situation verstehen. Und ich kann selbst etwas tun.

Viele Stunden Reifenwechsel mit seinem manchmal etwas besserwisserischen Vater hatten sich also doch gelohnt.

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