KNOXVILLE, TN - NOVEMBER 6: Ultimate Frisbee players reach for the disc at the Dave Baldwin Memorial Tournament, November 6, 2010, Victor Ashe Park, Knoxville, Tennesse
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Was Ultimate Frisbee mich über Vertrauen, Regeln und Zusammenarbeit gelehrt hat

Ich sprintete los, schlug einen Haken und schaffte so einen kleinen Vorsprung vor meinem Gegenspieler. Tom warf die Scheibe. So hart. Sie flog wie ein Strich auf mich zu. Ich musste aus vollem Sprint weit nach oben springen und mich strecken. Ich fing die Scheibe mit einem lauten Knall und hielt sie fest.

Das war 1997 bei der Club-Weltmeisterschaft in Vancouver. Ich spielte mit den Mainzer Feldrennern gegen ein Team, das später Dritter des Turniers wurde.

Der Fang wurde sogar von Gegnern beklatscht.

Ein Wettkampfsport ohne Schiedsrichter

Ultimate Frisbee ist schnell, körperlich anspruchsvoll und eindeutig ein Wettkampfsport.

Und trotzdem gibt es eine Besonderheit: Traditionell regeln die Spielerinnen und Spieler Fouls selbst. Wird eine Regelverletzung gerufen, stoppt das Spiel. Die Beteiligten klären die Situation miteinander; wenn sie sich nicht einigen, wird der Spielzug wiederholt.

Als ich anfing zu spielen, fand ich das erstaunlich. Warum funktioniert ein ernsthafter Wettkampf ohne jemanden, der jede strittige Situation von außen entscheidet?

Selbststeuerung braucht klare Regeln

Früher habe ich daraus schnell den Satz abgeleitet: Eigenverantwortung ist immer möglich.

Heute würde ich vorsichtiger formulieren.

Ultimate zeigt gerade nicht, dass Regeln unwichtig sind. Das Gegenteil ist der Fall. Die Regeln sind sehr klar. Und zusätzlich gibt es eine gemeinsame Norm: den „Spirit of the Game“.

Wettbewerb ist ausdrücklich erwünscht. Gleichzeitig sollen Respekt vor dem Gegner, Regelkenntnis, Fairness und Freude am Spiel erhalten bleiben.

Die Selbststeuerung funktioniert also nicht trotz des Rahmens, sondern innerhalb eines starken Rahmens.

Vertrauen ist kein Verzicht auf Anspruch

Das ist eine Erfahrung, die ich später in Führung immer wieder gemacht habe.

Vertrauen bedeutet nicht, Erwartungen unklar zu lassen. Menschen können besonders selbstständig handeln, wenn Richtung, Grenzen und Entscheidungsräume verständlich sind.

Wer jedes Detail kontrolliert, macht Verantwortung klein. Wer dagegen nur sagt „Macht mal“, schafft nicht automatisch Freiheit – manchmal nur Unsicherheit.

Der interessante Raum liegt dazwischen: klare Spielregeln und echter Handlungsspielraum.

Leichtigkeit und Leistung sind keine Gegensätze

Was ich am Ultimate bis heute liebe, ist noch etwas anderes.

Ein Spiel kann unglaublich intensiv sein. Sprints, lange Würfe, harte Zweikämpfe um die Position. Und trotzdem kann ein großartiger Spielzug des Gegners Anerkennung bekommen.

Diese Verbindung aus Anspruch und Leichtigkeit ist mir auch im Arbeitsleben wichtig geworden.

Teams müssen nicht weniger ambitioniert sein, damit Menschen gerne zusammenarbeiten. Im Gegenteil: Ein klares gemeinsames Ziel, gegenseitiger Respekt und das Gefühl, etwas miteinander bewirken zu können, können hohe Leistung und ehrliches Lachen gleichzeitig möglich machen.

Zurück nach Vancouver

Wir verloren das Spiel damals und wurden am Ende 30. von 50 Teams.

Mein Fang hat daran nichts geändert.

Und trotzdem ist er mir fast drei Jahrzehnte später präsent: voller Dynamik, vollkommen im Moment – und mit Applaus von Menschen, gegen die wir gerade unbedingt gewinnen wollten.

Vielleicht ist genau das die Erinnerung, die ich aus dem Ultimate in Führung mitgenommen habe:

Gute Zusammenarbeit braucht nicht weniger Wettbewerb, weniger Anspruch oder weniger Verantwortung.

Sie braucht einen Rahmen, in dem Menschen engagiert spielen können, ohne den Respekt voreinander zu verlieren.

 

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